February 2021

Scheitern

DBA46625-2E9E-41E4-A685-5FD259C7AE9D_1_105_c

Ich scheitere an meinem Wunsch alles korrekt zu machen.

Tausend Entscheidungen sind täglich nötig. Wenn ich alle gut und durchdacht erledigen möchte, dann erschlägt es mich. Dann habe ich den Wunsch mir die Decke über den Kopf zu ziehen und entweder zu Puzzeln oder ausreiten zu gehen und bestimmt nichts zu entscheiden, wovon ich zu wenig Ahnung habe, was viel Geld kostet, und wo ich auf die Empfehlung anderer angewiesen bin.

Hier nur mal eine Auswahl was mich heute schon alles beschäftigt hat:
Wir wollen gerade unsere Stallhelferin über den Verein einstellen. Dafür braucht der Verein eine Betriebsnummer und ein Berufsgenossenschaft. Brauchen wir dann nicht auch noch eine Betriebshaftpflicht?
Wenn das dann mal alles steht, kann ich dann auch Angebote über den Verein anbieten? Kann ich mir dann als Gruppenleiter eine Rechnung als Vereinsvorsitzende Schreiben? Muss ich dann das Verleihen meiner Pferde dem Verein in Rechnung stellen? Und ist darauf dann Mehrwertsteuer zu zahlen, weil, dass ist dann ja keine Heilbehandlung. Andererseits ist der Verein ja gemeinnützig.....
Genauso viele Gedanken mache ich um meinen gerade gekauften, aber noch nicht eingerichteten neuen Computer. Mein, noch-nicht-entschieden-sein für ein neues Handy. Oder soll ich einfach ein altes, geschenktes benutzen. Aber wie bekomme ich da meine Daten drauf, wenn ich die Betriebssysteme wechsle.....
Die Weidepflege: sollen wir dieses Jahr Gras neu aussähen oder nicht? Welches Gras? Bio oder nicht Bio? Was ist für dicke Ponies und Sumpfwiesen geeignet? Und wer macht das?
Kjestas Sarkoid: behandeln ja oder nein? Und wenn ja, dann wie? Schulmedizinisch oder Alternativ? Oder doch lieber erst mal was fürs Immunsystem verändern.
Bei meinem Auto gehen ständig die Lichter kaputt. Da weis ich zumindest schon was zu tun ist. In meine Werkstatt Fahren und den netten Mechaniker die Birne wechseln lassen. Oder soll ich mir gleich mal zeigen lassen, wie das geht, damit ich nicht alle drei Monate vorfahren muss. Oder sollte ich nicht lieber gleich das Auto durchchecken lassen, weil, irgendwas stimmt ja nicht, wenn immer die Scheinwerfer kaputt gehen....

Da sind so viele Entscheidungen notwendig über Dinge, von denen ich keine oder zu wenig Ahnung habe. Gleichzeitig habe ich zu viel Ahnung von all den Dingen, die da irgendwie doch noch dazu gehören. Also, mit genügend Naivität und Unwissen kann ich mich auch nicht durchmogeln. Und einfach tun, und einen Fehler zu riskieren .... da habe ich wirklich Angst vor.
Ich denke, deshalb bleibe ich oft hinter meinen Möglichkeiten zurück. Bzw. brauche sehr lange, bis ich von der Idee zur Umsetzung komme.
Wenn ich zurückblicke ist es eigentlich unglaublich, dass ich schon so viel geschafft habe. Zum Glück habe ich außer der Angst, etwas Falsch zu machen, eine unglaubliche Sehnsucht und Hartnäckigkeit, sie mich Schritt für Schritt vorwärts treibt. Das was ich dann erarbeitet habe, das hat Hand und Fuß.
Und zum Glück habe ich Freunde, die mich manchmal einfach an die Hand nehmen und den nächsten Schritt gehen. Ich gehe dann einfach mit, ohne dass mein Gefühl nach abschließenden „ An-alles-gedacht-und-alles-geregelt- zu-haben“, mich hindert.
Ja, und was mir auch hilft, ist dass ich schon viel erreicht habe und auf Erfahrungen zurückblicken kann, dass es doch geht.
Vor 5 Jahren habe ich mich sehr dagegen gesträubt den Stall als Selbstversorger zu übernehmen. Ich war eine echt glückliche Einstellerin. Ohne mich um Stromzäune, Mistentsorgung, Herdenzusammenstellung, Heulieferungen usw. zu kümmern. Inzwischen ist das Kümmern darum fast nebenher und ohne großen Aufwand. Und dann kommen plötzlich neue Aufgaben dazu und ich bin gleich wieder am Zweifeln, ob ich das kann. (z.B. Baumpflege auf der Weide).
Bei Annika konnte ich viel lernen, sie organisiert einfach Jemanden, der sich auskennt, delegiert und gibt solche Aufgaben in Auftrag. Sie ist bereit dafür Geld zu zahlen.
Oder bei Melanie, die fängt einfach an und sucht Freiwillige, die ihr mithelfen. Sie ist bereit Fehler zu machen.

Ich habe meine Herde befragt, was sie mir zu diesen Themen sagen können:
Am lustigsten fand ich Franz Antwort:
Franz: Du bist schon echt umständlich, aber man kann dir ohne zu zögern vertrauen und folgen.
Kjesta: ich habe dich lieb
Fuego: Du hast eine Größe und Stärke in mir gesehen, als ich sie verloren glaubte, nun sehe ich sie in dir, wenn du den Glauben daran mal verliest.
Randl: Du macht das gut. Geh einfach weiter. Schritt für Schritt
Kira (die alt Dame): Es ist so schön in eurer Herde zu sein. Ich bin hier glücklich. Nimm an, was du erschaffen hast.
Kira (Kjestas Fohlen, gerade auf der Fohlenweide): So bist du halt. Wie könntest du anders sein? Das verstehe ich nicht. Jeder ist so wie er ist.
Frekkja (die verstorbene Herdenchefin): Wann lernst du endlich, dass du das nicht alleine machen musst. HERDE!

Unser Ruf

FA5092B1-D5A0-459C-857C-97C1FE5814D2_1_105_c

Mein Ruf führt mich in authentischen Gemeinschaften.
Also, eigentlich nicht direkt in diese Gemeinschaften, da ich, als ich den Ruf und die Sehnsucht verspürt habe, keine solche Gemeinschaft kannte. Ich wollte immer dazugehören und habe viele Gemeinschaften und Gruppen ausprobiert. Mit allen möglichen Ergebnissen: Ich habe Sachen mitgemacht, die ich nicht wirklich gut fand, nur am dazuzugehören. Ich habe mich angepasst und verraten. Ich habe aber auch Gruppen angeführt, so wie ich dachte, dass es stimmt. Aber irgendwas hat immer nicht gestimmt.

Irgendwann und fast zufällig habe ich eine authentische Gemeinschaft mitgegründet, die mich bis heute trägt. Angefangen hat es damit, dass ich Freunde zusammen getrommelt habe, um bei Ihnen die Inhalte der Heros´Journey Instruktor Ausbildung zu üben. Das hat bei uns allen Prozesse ausgelöst. Und Annika hat nach ihrer ersten Heldenreise gesagt: „Maike lass uns einen Ponyhof gründen.“ Ich hatte bei Nathalie gerade die Arbeit und die Kraft der Herde erlebt und war mir sicher, dass möchte ich auch. Also haben wir zusammen mit noch einer Freundin einen Ponyhof nach dem Vorbild einer Herde für Mensch und Pferd gegründet. Also die Ponys konnten Herde ja schon, wir mussten ihnen nur eine geeignete Umgebung schaffen. Dafür habe ich etwas getan, was ich vorher nie gemacht habe. Wir haben den Ponyhof gegründet, ohne vorher alles richtig geregelt zu haben. Unser Stallvermieter wollte, dass wir einen Verein gründen, um auf den Hof Pferde halten zu können. Wir haben einfach den Stall mit Ponys aufgefüllt und den Verein erst über ein Jahr später gegründet. Aber ich glaube, andersherum hätte es damals auch nicht geklappt.
Das tolle an so einer Gemeinschaft ist; ist bin nur noch von Menschen und Pferden umgeben, die mir Kraft geben und die bereit sind gemeinsam zu wachsen. Gerade in Zeiten wie diesen ist das etwas sehr wertvolles. Das Klein- Klein im Alltag ist weg und ich habe Zeit, mich meinem gerade gefühlten Ruf zu widmen:
Ich möchte einen Herdenverband gründen. Das meint einen Zusammenschluss von befreundeten Herden. Den Alltag bewältigt jede Mensch- Pferde- Herde für sich, aber für bestimmte Aufgaben und Herausforderungen tun wir uns zusammen. Wir nehmen teil am Leben der Andren und können uns gegenseitig unterstützen. So in etwa haben wir das schon, aber noch nicht wirklich bewusst in seiner ganzen Stärke.
Dafür möchte ich neuen menschliche Herdenmitglieder, die Möglichkeit geben sich zu integrieren. Gelichzeitig müsse die bisherigen menschlichen Herdenmitglieder damit umgehen, dass Neue dazukommen und damit auch eine neue Rolle für sich finden. Und dann gilt es den Kontakt zu befreundeten Herden zu halten und zu pflegen. Zum Glück muss ich das nicht alles alleine machen.
Ich bekomme zur Zeit ca. 2 mal im Monat Nachrichten wie diese, von einer unbekannten Frau auf Facebook:

Hallo liebe Maike, ich wollte mal fragen, ob du / ihr auf dem Birkenhof gerade Pferde habt, die gerne ein wenig beschäftigt werden möchten. Habe langjährige Erfahrung, seit meinen beiden Kindern kam ich bisher noch nicht dazu wieder mit Pferden zu sein, was ich gerne ändern möchte. Ich habe das Gefühl Kjesta "ruft" oder macht mich auf sich/den Hof aufmerksam so süß alles Liebe zu dir vlG

Zusammen mit Annika werde ich einen Jahresworkshop für neue Stallhelfer und Interessierte menschliche Herdenmitglieder anbieten. Die Ausschreibung läuft. Wenn sie fertig ist kann ich sie euch rumschicken. Und die bisherigen Herdenmitglieder möchten wir gerne die Möglichkeit geben sich als Assistenten und Helfer auszuprobieren....
Ich habe mich entschlossen, diese Antworten von mir hier für die Masterclass nicht nur mit euch, sondern auch mit all den Menschen, die mich in meinem Leben begleiten zu teilen und mich mit ihnen darüber auszutauschen. Ich habe meine Antworten der ersten zwei Aufgaben einfach mal an über 50 Menschen geschickt und gefragt wer Lust hat sie weiterhin zu bekommen... Es gab schon viele schöne Antworten.

Soweit mal mein jetziger Ruf

Ich habe die Brüche in meinem Leben selten als große Umbrüche empfunden, meist sind die wichtigen Veränderungen in meinem Leben eher schleichend und kommen nach und nach in meinem Leben. Wenig spektakulär aber nicht weniger stark und nachhaltig. Meist haben sie sich einfach richtig angefühlt.
Ich habe mich als Reittherapeutin und Therapeutin teilselbstständig gemacht, einfach immer ein bisschen mehr. Zur Zeit habe ich eine 30%-40% Anstellung, für die Sozialbeiträge.
Bei mir ist ein Pferd gestorben und Eins wurde geboren. Ich war verheiratet und wurde geschieden. Ich habe Beziehungen aufgebaut und eingerissen. Ich war schon immer mit Pferden. Es hat eher lange gebraucht bis ich meine Stimme gefunden habe. Ich habe mich eher wenig in der Welt verloren, dafür habe ich mich oft zurückgezogen, bzw. vor der Welt geschützt.
Einen Bruch gab es noch:
Ich habe mit 40 noch mal Psychologie studiert, nachdem ich mich mit meinem Chef sehr gestritten habe. Dafür musste ich mich von meinem „ Baby,“ einer von mir mit aufgebauten Jugendhilfeeinrichtung trennen. Das war sehr schmerzhaft.



Verletzlichkeit

CC0C7564-996D-4823-BFEA-7FE4EFD55E50_1_105_c

Ich bin verletzlich bei dem, was mir wichtig ist. Bei meinen Herzensprojekten.
z.B. bei meiner Stallgemeinschaft. Bei meinen Pferden fühle ich mich spannenderweise nicht verletzlich. Bei ihnen habe ich großes zutrauen in sie, dass sie ihren Weg gehen werden. Das sie sich auch unabhängig von mir gut um sich kümmern.
Ich bin bei meiner Stallgemeinschaft verletzlich. Einer Mensch- Pferde-Herde die ich liebevoll und sorgfältig hege. Aus dieser Gemeinschaft ziehe ich meine Energie und tanke Kraft. Das sind die , die in schwierigen Zeiten mit mir sind. Und genau in dieser Gruppe fällt es mir sehr schwer, Veränderungen auszuhalten. Am liebsten möchte ich die Gruppe konservieren. Aber die Pferde und vor allem die Menschen entwickeln sich ständig weiter und ich kann das nicht kontrollieren und steuern. Manche gehen und machen ihr eigenes Ding (in den letzten Jahren wurden insgesamt 8 Pferde gekauft, 3 neue Ställe eröffnet und 2 Selbstständigkeiten mit Pferden erschaffen und auch zwei Ehen geschieden) Und jetzt kommen gerade viele neue Menschen, die mitmachen möchten und das bringt mich schon wieder durcheinander. Zum Glück sind ein paar Menschen stabil dabei und helfen mir, damit umzugehen.
Vielleicht muss ich hier auch lernen der Stallgemeinschaft zuzutrauen, dass sie ihren Weg gehen wird, so wie ich das meinen Pferden zutraue.
Bei meiner Herde habe ich Angst vor Veränderung. Aber sonst bin ich ein Mensch, der sich nach Veränderung sehnt. Unsere Gesellschaft, die gesamte Menschheit braucht so dringend Veränderung, damit die Erde überlebt und die Menschen lernen können glücklich zu sein. Hier habe ich Angst, dass wir uns als Menschheit nicht schnell genug Verändern.
Also habe ich gleichzeitig Angst vor Veränderung und Stillstand

Viele von euch schreiben von Existenzangst. Die habe ich auch manchmal, aber nicht so stark. Mir kam dazu eine Idee: Gunther Schmidt hat mal gesagt, dass wir in einer traumatisierten Gesellschaft leben. Und zwar insofern, dass wir traumatisiert davon sind, in unserer Leistungsgesellschaft nicht gut genug funktionieren zu können.
Ich glaube, es ist wirklich ein gesellschaftliches Thema und kein Individuelles: Wir alle haben gelernt, dass mit dem, was mich Glücklich macht, kein Geld zu verdienen ist. Wir haben gelernt, dass Geld verdienen etwas mit Anstrengung, Anpassung und Unterdrückung von eigenen Bedürfnissen zu tun hat. Und nicht mit Spaß. Aber was, wenn es doch geht und wir „nur“ traumatisiert sind. Dann wäre es völlig logisch, dass wir, wenn wir unseren Ruf folgen, der Wunde nicht nur in uns, sondern auch in diesem gesellschaftlichen Trauma begegnen. Ich würde diesen Gedanken gerne weiterspinnen und auch schauen, ob man in den Methoden der Traumaheilung mögliche Lösungsansätze finden kann. Mag hier Jemand mitspinnen?